Armory Show

Alle Nervosität ist verflogen

Von Lisa Zeitz, New York

Paul McCarthys Skulptur „Mimi” bei Hauser + Wirth (450.000 Dollar)

Paul McCarthys Skulptur „Mimi” bei Hauser + Wirth (450.000 Dollar)

29. März 2008 So viel zeitgenössische Kunst kann selbst New York noch nicht gesehen haben. Gleichzeitig mit der Whitney Biennale findet die Armory Show statt, und sie hat in diesem Jahr zehn Satellitenmessen in ihren Bann gezogen. All das in einer Stadt, die schon im Alltag mit junger Kunst in mehr als dreihundert Galerien verwöhnt ist, von den Museen ganz zu schweigen. Viele Händler waren nervös im Angesicht der weltwirtschaftlichen Krise, aber nach der „Preview“ der Armory gab es vor allem positive Kommentare. Douglas Baxter, Direktor der New Yorker Galerie Pace Wildenstein, war geradezu erstaunt: „Die Messe ist sehr lebendig. Ironischerweise laufen die Geschäfte sogar besser als vergangenes Jahr.“ Die polnische Künstlerin Kinga Dunikowski am Stand der Berliner Galerie brot.undspiele auf der „Scope Art Fair“ sagte gar, bei der Einweihung sei „der Teufel losgewesen, viel mehr als bei der Scope in Basel oder in London“. Sie freut sich, dass ihre achtteilige Arbeit „Is it Real?“ mit Pailletten auf Modeanzeigen gleich zu Beginn für 6000 Dollar verkauft wurde. Von anderer Seite war jedoch zu hören, dass der Eröffnungstag auf der Armory zwar solide, aber ruhiger verlaufen sei als im Vorjahr. 2007 kamen im Lauf der Messe 52000 Besucher und sorgten nach Auskunft der Messeleitung für einen Umsatz von 85 Millionen Dollar.

Die Armory Show, auf dem Pier 94 ganz im Westen der 55th Street, hat dieses Jahr ein besonders europäisches Flair, kommt doch mehr als die Hälfte der 160 Aussteller aus Europa, ein Drittel aus New York. Zehn Galerien sind allein aus Berlin angereist. Der Pariser Galerist Kamel Mennour hat fünf Bleitafeln mit den Maßen zwei mal ein Meter aufgehängt, die jeweils Abdrücke wütender Fäuste tragen. Der Künstler Claude Lévêque hat das Blei von frustrierten jungen Männern der Pariser Banlieue bearbeiten lassen. Für den Betrachter entsteht der gruselige Eindruck einer Tür, die demoliert wird, als wolle sich jemand gewaltsam Eintritt verschaffen (je 21000 Dollar). Bei der in Zürich und London operierenden Galerie Hauser & Wirth leuchtet auf einer Holzkiste in der Mitte des Standes Paul McCarthys „Mimi“, eine pinkfarbene Skulptur aus Silikon und Gummi, die ein kleines Mädchen mit Reh darstellt. In den Jahren 2006/07 in einer Auflage von sechs Stück geschaffen, waren in den ersten Stunden nach Eröffnung der Armory drei Exemplare für jeweils 450000 Dollar verkauft.

Ein Denkmal der Untätigkeit

Die Berliner Galerie Guido Baudach stellt unter anderen die Berliner Künstler Björn Dahlem und Thilo Heinzmann aus. Von Dahlem, Jahrgang 1974, stammt eine Installation mit dem Titel „Mare Tranquilitatis (Tree)“ von 2008. Sie besteht aus zwei Teilen. In einer Ecke steht eine Liege mit violetten und geblümten Polstern, in einer anderen steht auf einem schmalen Holzlattengerüst eine Glasflasche, die anscheinend mit Cola gefüllt ist. Über der dunkelbraunen Flüssigkeit erwächst ein goldener Zweig. Der Schlüsselbegriff für das Werk lautet „schwarze Galle“: Dieser Körpersaft wurde seit der Antike der Melancholie zugeordnet, dem Temperament der Künstler, und kann zwar goldene Blüten der Phantasie hervorzaubern, aber den Betroffenen auch zur Untätigkeit lähmen, wie mit der gepolsterten Liege angedeutet ist (23000 Dollar). Heinzmann, Jahrgang 1969, testet mit seinen Werken die Grenzen der Malerei aus: Sein skulpturales Bild „Schmerzlilie“, ebenfalls aus dem Jahr 2008, ist eine makellose weißlackierte Fläche aus Aluminium, deren Zentrum durch mehrere Hiebe aufgehackt wurde.

Über die an Lucio Fontana erinnernden Öffnungen hat der Künstler silberglänzendes flüssiges Zinn gegossen (18500 Dollar). Diesem Werk im Geist verwandt ist Steven Parrinos „Baby Blue Suicide“ bei Massimo de Carlo aus Mailand. Der Meister der kunstvoll verknautschten Leinwand, der vor zwei Jahren in Brooklyn bei einem Motorradunfall ums Leben kam, hat das hellblaue Exemplar 1995 mit malerischen Falten und Schnitten versehen (600000 Dollar). Hypnotisierend wirkt eine Arbeit der Israelin Michal Rovner bei Pace Wildenstein. „Time I“ aus dem Jahr 2008 ist eine grob behauene Steintafel, die auf den ersten Blick mit flimmernden Reihen runenartiger Schriftzeichen versehen ist. Erst beim genauen Hinsehen erkennt man die Projektion winziger Figürchen, die Hand in Hand über die Tafel wandern (175000 Dollar). Thaddaeus Ropac aus Salzburg/Paris präsentiert Variationen der menschlichen Figur von Tony Cragg, Antony Gormley und besonders leichtfüßig von der koreanischen Künstlerin Lee Bul. Ihr kronleuchterartiges Gehänge glitzert in der kurvigen Silhouette einer Frau (100000 Dollar.) Die Galerie Eigen+Art aus Berlin/Leipzig hat auf ihrem großen Stand eine Einzelausstellung für den im Jahr 1960 geborenen Künstler Maix Mayer ausgerichtet.

Skizzen von Neo Rauch auf Nachfrage

Fünf Filme, darunter „Raumgleiter“, eine Kamerafahrt durch das noch leere Museum der Bildenden Künste in Leipzig, kleine Schwarzweißfotos (zwischen 2800 und 3600 Dollar) und große, bunte Lamdaprints beschäftigen sich mit Architektur und immer wieder mit den Kreationen des DDR-Architekten Ulrich Müther. Auf Nachfrage bekommt man in einer Kabine doch noch etwas von Neo Rauch zu sehen: Neue, flinke Skizzen kosten hier 27000 Dollar. Der New Yorker Galerist Leo König präsentiert ein Kunstwerk des Fotografen Brandon Lattu aus Los Angeles. Er hat ein Deckengemälde von Rubens im Londoner Banqueting House von einem Standpunkt in der Mitte des Raums rund vierhundertmal fotografiert und die Fotos dann nahtlos auf der Oberfläche eines eigens konstruierten dreidimensionalen Objekts zusammengefügt: Wie ein übergroßer Schildkrötenpanzer fügen sich die Bilder aneinander und sind als Vexierbild so ausgeklügelt, dass der Betrachter mit zusammengekniffenen Augen den Eindruck haben kann, er schaue tatsächlich in einen architektonischen Innenraum (65000 Dollar).

Wie kam der Künstler auf die Dimensionen? „Das Werk misst in der Höhe genau die Hälfte meiner Körpergröße“, sagt Lattu, „ich denke ziemlich systematisch.“ Auch kleine, in gewohnter Manier postapokalyptische Gemälde von Alexis Rockman hat König wieder ausgestellt. Die effektvollen Bilder einer Distel in einer Gletscherspalte und einer Schlingpflanzen- und Heuschreckeninvasion kosten jeweils 20000 Dollar. Bei Michael Stevenson aus Kapstadt sind knallbunte Perückenkreationen von Meschac Gaba ausgestellt, der seine Zeit zwischen Rotterdam und Benin aufteilt. Die „Tresses Series“ geht auf ein Projekt für das Studio Museum in Harlem zurück, als der Künstler zum ersten Mal mit Haaren berühmte Gebäude nachgebaut hat. Hier stehen nun sechs bunte Zopfkonstruktionen, die südafrikanische Architekturen zum Vorbild haben (je 18000 Dollar). Yvon Lambert aus Paris/New York hat eine Vitrine mit männlichem Torso von Berlinde de Bruyckere für einen sechsstelligen Betrag verkauft. Die geschundenden, schmelzenden Gliedmaßen schimmern blau und rot, lassen und den Betrachter unweigerlich frösteln.

Humoristisch wirkt dagegen Francesco Vezzolis Stickbild „Hillary and Socks Clinton“, das die Präsidentschaftskandidatin mit ihrer berühmten Katze darstellt. Glitzernde Tränen in den amerikanischen Nationalfarben laufen über ihre Wangen (250 000 Dollar). Die Ankündigung der jungen Engländerin Jill Magid dagegen, „I can burn your face“ in rotem Neon, ist schon für 5000 Dollar zu haben. Von den Satellitenmessen ist „Pulse“ auf dem Pier 40 mit fast hundert Galerien die größte. Rund fünfzig Teilnehmer präsentieren sich jeweils auf der „Scope“ am Lincoln Center, der „Volta“ auf der 34th Street in Midtown und der „Bridge Art Fair“ im Waterfront Building in Chelsea. Die „Art Now Fair“, „Pool“ und die „Red Dot Fair“ finden in Hotels statt, so wie einst die Vorgängermesse der Armory Show. In Chelsea zeigt die „L.A. Art“ fünfzehn Galerien mit junger Kunst von der Westküste, und über mehrere Straßenblocks verteilen sich neun Container, in denen „DiVA“ ausschließlich Videokunst vorführt. Schließlich richtet das Swiss Institute in Soho noch eine wahrhaft obskure Miniaturmesse aus: Ohne Sonnenlicht oder Elektrizität zeigt die „Dark Fair“ Kunstwerke im Schein von Kerzen und Taschenlampen - und auch sonst so allerhand Dinge, die im Dunkeln leuchten.



Text: F.A.Z., 29.03.2008, Nr. 74 / Seite 43
Bildmaterial: Alberto Garcia-Alix/Kamel Mennour, Eigen + Art, Guido W. Baudach, Patrick Painter, Inc., Pierogi, Sabine Heinlein, Sabine Henlein, Susanne Vielmetter/Robert Wedemeyer, The Breeder, Thomas Schulte GmbH, Wallspace

 
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